Kerstin Blumhardt – „Einen Melkroboter im Stall zu betreiben, heißt nicht: Kühe werden automatisch gemolken…jetzt muss man nicht mehr in den Stall!“

Kerstin Blumhardt erzählt im Gespräch mit Farmitoo über den Alltag auf einem familiengeführten Milchhof, ihrer Leidenschaft für Tiere und ihrer Einschätzung zur landwirtschaftlichen Digitalisierung und Sozialen Medien.

Hallo Kerstin, kannst du in einigen Worten euch und euren Milchhof Blumhardt beschreiben?

Hallo Anika, unser Milchhof liegt im Großraum Stuttgart. Wir halten 100 Milchkühe plus Nachzucht, betreiben Ackerbau, sowie eine 75kW-Biogasanlage. Wir sind ein typischer Familienbetrieb. Im Betrieb tätig ist mein Mann, meine Schwiegermutter und ich. Zusätzlich beschäftigen wir eine 450-Euro-Kraft. Diese Aushilfskraft ist selbst ausgebildeter Landwirt und stammt von einem viehhaltenden Betrieb. Er ist meist samstags bei uns im Einsatz, um meinen Mann bei Routinearbeiten im Stall zu unterstützen wie z.B. Tiere umstallen, Tiefstreustall misten. Außerdem unterstützt er uns in den Erntephasen, wenn mehrere Maschinenführer gebraucht werden und er vertritt uns, wenn wir mal 2-3 Tage „rauskommen“ wollen.  Ein echter Glücksgriff für unseren Betrieb und unsere Familie.

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Außerdem sind wir „Lernort Bauernhof“ in Baden Württemberg und geben Schulklassen und anderen interessierten Besuchergruppen Einblicke in die heutige Landwirtschaft beziehungsweise Milchviehhaltung.

Welche Philosophie steckt hinter dem Milchhof Blumhardt? 

Wie gesagt, wir sind ein Familienbetrieb und das möchten wir auch so lange wie möglich halten. Zudem fällt betriebliches Wachsen im Stuttgarter Umland sowieso schwer. Wir befinden uns in einer wirtschaftsstarken Region. In und um Stuttgart sind viele erfolgreiche Unternehmen angesiedelt, die gute Arbeitsplätze bieten. Arbeitskräfte für die Landwirtschaft zu finden, gestaltet sich deshalb äußerst schwierig. Eventuell bietet die Digitalisierung in Zukunft eine Chance für unseren Betrieb, Arbeitsgänge zu automatisieren. Im Moment habe ich im Melkstand unseren Hund, einen Westerwälder Kuhhund, als zweite Arbeitskraft zur Seite. Er hilft mir Kühe aus dem Melkstand zu treiben und erleichtert mir damit die Melkarbeit. Auch Wohnraum ist hier mittlerweile knapp und dringend gesucht. Die Infrastruktur muss der Unternehmensdichte angepasst werden… landwirtschaftlich genutzte und nutzbare Flächen werden demnach nicht nur von Landwirten gesucht, sondern auch von vielen anderen! Hier konkurriert Wirtschaft und Landwirtschaft , wenn es um „Enfaltungsraum“ geht, nicht selten miteinander.

Mein Mann und ich ergänzen uns im Betrieb ganz gut. Er ist der Ackerbauprofi. Seine Leidenschaft ist es, seine Anbauflächen zu hegen und pflegen, den Pflanzen beim Wachsen zuzusehen und Nahrungsmittel hoher Qualität zu erzeugen. Meine Leidenschaft hingegen sind die Tiere. Tiere waren mir schon immer wichtig. Ich stamme aus keinem landwirtschaftlichen Betrieb, sondern würde mich eher als „Stadtkind“ bezeichnen.

Schon bei meiner Berufswahl war klar: Entweder etwas Kreatives oder was mit Tieren.

Letztendlich entschied ich mich für den kreativen Bereich, da dort die Job- und Verdienstchancen in der Stuttgarter Region besser sind als im „tierischen Bereich“. Nach einer Ausbildung im Handwerk und Abschluss „Betriebsmanagerin Fachrichtung Farbtechnik“ führte mich mein Weg durch meinen Mann letztendlich doch noch zu den Tieren.

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Heute manage ich nicht mehr wie und wo Farbe an die Wand kommt, sondern wann und wo Kälber geboren werden. Deshalb fühle ich mich nach wie vor als Betriebsmanagerin und nicht als „Bäuerin“. Obwohl in unserer Region sicherlich Vermarktungspotenzial besteht, haben wir uns bewusst gegen den Aufbau eines Direktvermarktungszweigs entschieden. Mein Mann erledigt viele Arbeiten auf dem Acker gerne selbst, dazu die Arbeit im Stall… das ist mehr als genug Arbeitspensum. Auch ich möchte die Arbeit mit den Kühen und Kälbern nicht gegen Milchverarbeitung, Eier sortieren und hinter der Theke stehen eintauschen. Wir möchten keinesfalls in die „Arbeitsfalle“ geraten und uns mit zu vielen Arbeitsbereichen verzetteln. Unsere ganze Kraft soll unseren Tieren und Pflanzen gewidmet sein! Ich mache mir oft Gedanken darüber, ob es tatsächlich gut und förderlich für die Landwirtschaft ist, dass die (vom Einzelhandel gesteuerten) schlechten Erzeugerpreise und die von der Gesellschaft oft gewünschten aber nicht wirklich umgesetzten Einkaufsmöglichkeiten beim „Bauernhof ihres Vertrauens“, die Landwirte fast schon nötigen in die Verarbeitungs-, Vermarktungs- und Dienstleistungsbranche einzusteigen. Wo das hinführt? Diese Frage möchte ich offen – ohne persönliche Wertung – stehen lassen.

Welche Chancen und Risiken siehst du in Digitalisierung der Landwirtschaft?

In der Digitalisierung der Landwirtschaft sehe ich PotentialEs kann eine Chance für Landwirte sein, flexibler mit ihrer Arbeitszeit umgehen zu können. Roboter und technische Neuerungen sind durchaus in der Lage Arbeitsgänge zu erleichtern, abzunehmen oder flexibler zu gestalten.

Die Arbeitszeit, die der Landwirt in seinem Betrieb aufwenden muss, wird deshalb aber nicht weniger…die Arbeit wird nur anders. 

Man verbringt mehr Zeit damit, Technik zu warten und Daten auszuwerten. Datenzugriff und Auswertung können viele wichtige Erkenntnisse liefern.  Auch in Bezug auf Tier- und Pflanzengesundheit! Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass diese gewonnen Erkenntnisse im Nachgang auch am Tier/an der Pflanze/auf dem Feld bearbeitet werden müssen um positive Ergebnisse zu erzielen.  Und da ist meist nach wie vor Handarbeit gefordert.  Gerade wenn es um Tiere und Pflanzen geht. Risiken sehe ich darin, dass die Digitalisierung falsche Vorstellungen weckt. Beim Landwirt selbst, sowie beim Verbraucher bzw. in der Gesellschaft. Einen Melkroboter im Stall zu betreiben, heißt nicht: Kühe werden automatisch gemolken…jetzt muss man nicht mehr in den Stall! Es gibt genug Arbeit im Stall, mit und um die Tiere herum, die von Menschenhand ausgeführt werden muss. Der Tierkontakt und die Betreuung der Tiere ist und bleibt elementar.

Ich muss ehrlich gestehen, früher, als ich noch keinen direkten Kontakt zur Landwirtschaft hatte, war mir selbst nicht bewusst wie viel Arbeit in der Betreuung einer Milchvieherde steckt und wie eng der Tier-Mensch-Kontakt ist. Das wurde mir erst bewußt, als ich meinen Mann kennenlernte und ihn bei seiner Arbeit auf dem Hof half. Erst dann wurden mir sehr viele Zusammenhänge klar!

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Gibt es etwas, was du mehr / weniger an deiner Arbeit magst?

An meiner Arbeit mag ich am liebsten die KälberaufzuchtEs ist schön ein Tier aufwachsen zu sehen! Zu erleben, wie es sich entwickelt! Ich bin ja quasi vom Bullensperma im Plastikröhrchen bis zum Abtransport/Tod unserer Tiere an deren Seite. In den ersten Lebenswochen verbringe ich sehr viel Zeit mit den Kälbern. Das macht mir unheimlich Freude! Im weiteren Verlauf geht man Höhen und Tiefen mit den Tieren durch. Man freut sich über schöne Tiere, gute Leistung, lange Lebensdauer und man ist traurig/verzweifelt/ratlos, wenn etwas schief geht.

Außerdem macht mir die Zucht sehr viel Freude.  Früher war der Betrieb ein reiner „Schwarz-Bunt“-Betrieb. Das änderte sich, als ich vor zehn Jahren die künstliche Besamung von Rindern erlernte. Seitdem habe ich die Möglichkeit mir meine Kälberväter selbst auszusuchen.  Mittlerweile haben Kühe der Rasse Braunvieh Einzug in unseren Stall erhalten, weil ich diese Rasse so schön finde! Desöfteren kreuze ich unsere schwarzbunten Holstein-Kühe auch mit anderen Rassen. Im Moment habe ich Braunvieh, Angler und Wittrik im Programm – alles Rassen mit einer guten Milchleistung. Ich erhoffe mir davon, die Herdengesundheit positiv beeinflussen zu können. Außerdem ist es unheimlich spannend, wenn man nicht weiß, wie die Kälber aussehen werden.

So manche Geburt ist ein kleines ÜberraschungseiMein Stall soll bunt sein. Nur schwarz und weiß…das ist nichts für mich!

Ein weiterer Bereich, der mir unheimlich Spaß macht, ist die ÖffentlichkeitarbeitIch nutze dazu die Sozialen Netzwerke. Da wir keine Direktvermarktung haben, ist das mein Weg, Menschen in nah und fern zu erreichen und aus dem Alltag und dem Leben in der Landwirtschaft zu berichten. Dank Smartphone ist es heute möglich selbst zu berichten und authentische Fotos aus dem Stall zu veröffentlichen. Man ist nicht mehr auf Redakteure und Journalisten angewiesen, dass diese berichten. In Beiträgen auf meinem Blog, via Facebook, Instagram oder Twitter kann ich in Schrift und Bild meine Kreativität ausleben. Das ist ein echter Zugewinn für mich. Diese blieb seither bei der Arbeit auf dem Hof ein wenig auf der Strecke.

Jedoch kann ich mich auch nach 13 Jahren Leben und Arbeiten in der Landwirtschaft nicht so recht daran gewöhnen, dass nichts planbar ist. Planen zwecklos – meistens, wenn man etwas plant, kommt irgendetwas im Stall oder auf dem Feld dazwischen.

Gibt es noch etwas, was du gerne loswerden möchtest?

Auch bei meinem Lernort-Bauernhof-Angebot bin ich immer auf der Suche nach Wegen, Schüler und Lehrer für den außerschulischen Lernort Landwirtschaft zu begeistern. In Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg habe ich eine „Digitale Schnitzeljagd“ quer über unseren Milchviehbetrieb realisiert. Die Schüler*innen werden bei einem Hofbesuch mit iPad ausgestattet und erfahren bei einem digitalen Spiel über das Hofgelände alles Wissenswerte über Milchviehhaltung

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Vielen Dank an Kristin Blumhardt für das Interview und weiterhin frohes Schaffen an den Milchhof Blumhardt wünscht Farmitoo

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