The Real Junk Food Project Berlin – Lebensmittelverwertung mal anders

Guten Tag Tobias! Als Erstes möchte ich dich fragen, ob Du uns kurz erklären kannst, was „The Real Junk Food Project Berlin“ ist und wie dieses Projekt funktioniert?

Der gemeinnützige „Real Junk Food Project Berlin e.V.“ engagiert sich gegen Lebensmittelverschwendung. Neben konkreter Rettung überschüssiger Lebensmitteln von Supermärkten und Großhändlern, stellen wir Essen in Rahmen von regelmäßigen offenen Buffets auf Spenden-Basis zur Verfügung. Unsere Kochaktionen bringen Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen zusammen. Darüber hinaus klären wir mit unseren Workshops, verschiedenen Koch-Formaten und Bildungsarbeit über die Problematik der Lebensmittelverschwendung auf, zeigen Wege zu deren Reduzierung und tragen so das Thema in die breite Öffentlichkeit. 

Wie genau ist dieses Projekt entstanden, bzw. wie seid Ihr auf diese Idee gekommen?

Ich hatte 2015 über die ersten Real Junk Food Projects in Großbritannien gelesen und diese hatten mich sehr inspiriert: Der Ansatz ist eine Kombination aus praktischer Lebensmittelrettung, verbunden mit dem Aspekt des Kochens, der Gemeinschafts-Bildung und der Aufklärung über diese wichtige, oft vernachlässigte Thematik Lebensmittelverschwendung – das war für mich persönlich sehr spannend und reizvoll. Mein größter Herzenswunsch war es, eine Tätigkeit mit positivem sozialen und nachhaltigem Effekt auszuüben und auch am Thema Essen und Kochen habe ich große Freude.

Ich hatte gelesen, dass es auch außerhalb Großbritanniens Real Junk Food Projects gab (u.a. in Frankreich, Korea und Japan). Ich bin dann mit dem Kernteam um den Koch Adam Smith in Kontakt getreten und hatte gefragt, ob es in Deutschland auch schon ein Projekt gäbe. Die Antwort war: „Nein, aber du kannst ja mal eins starten!“ – Und das haben wir dann im Sommer 2015 gemacht!

Welche genauen Ziele verfolgt „The Real Junk Food Project Berlin“?

Es ist unser Ziel, die Brisanz und Tragweite des Problems Lebensmittelverschwendung möglichst breit in die Öffentlichkeit zu tragen und über Möglichkeiten zu deren Reduzierung aufzuklären. Und auf praktischer Ebene so viele Lebensmittel wie uns möglich ist vor der Tonne zu retten.

Wie war die bisherige Entwicklung von „The Real Junk Food Project Berlin“ und wie kommt das Projekt bei den Leuten an?

Seit 2015 hatten wir ein stetiges, organisches Wachstum: inpuncto geretteter Lebensmittel, Freiwilligenzahlen und auch Veranstaltungen. Es sind auch viele junge, internationale Freiwillige bei uns aktiv, die Arbeitssprache bei vielen Veranstaltungen und Kochaktionen ist Englisch. Das kommt in Berlin sehr gut an, da es nach meinem Eindruck auch nicht so sehr viele Angebote gibt, wo sich Leute ohne Deutschkenntnisse freiwillig engagieren können. Und das gemeinsame Kochen und Essen ist ideal um Menschen mit verschiedensten Hintergründen zusammenzubringen.

Da unsere Arbeit viel auf Veranstaltungen und gemeinsamen Aktionen beruht, hat uns die Corona-Krise auch sehr betroffen. Alles musste abgesagt werden. Wir hoffen, dass wir bald wieder gemeinsam kochen können.

Anschließend würde ich dich noch gerne fragen, wie Du persönlich die zukünftige Entwicklung des Lebensmittelhandels einschätzt. Glaubst Du, dass das Bewusstsein und die Verantwortung der Konsumenten in Zukunft steigen werden?

Ich sehe einen Trend zu mehr Nachhaltigkeit und Zero-Waste. Das Bewusstsein bei Herstellern, Handel und Verbrauchern steigt. Das ist sehr erfreulich. Große Supermarkt-Ketten reduzieren Verpackungsanwendung, z.B. beim Obst und Gemüse; nachhaltige Hersteller machen neue Becher und Geschirr aus altem Kaffeesatz oder aus schrumpligem oder nicht mehr ganz jungem Gemüse Suppen, etc. – es gibt wirklich tolle Ideen und Ansätze.

Dennoch muss viel mehr passieren. Ich denke auch, dass die Politik hier noch stärker und effektiver wirken könnte. Ernährungs- und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hat zwar eine ambitionierte Strategie zur Halbierung der Lebensmittelverschwendung in Deutschland bis 2030 vorgelegt, diese basiert aber vor allem auf freiwilliger Kooperation auf Seiten der Händler und Hersteller. Hier könnten Frankreich und Tschechien als Vorbild dienen, wo es ein Gesetz gibt, dass große Supermärkte verpflichtet, überschüssige, noch genießbare Lebensmittel an soziale Einrichtungen abzugeben und dies auch mit Strafzahlungen sanktioniert.

Auch muss in der Öffentlichkeit noch mehr aufgeklärt werden. Die Tafeln leisten hier auch sehr gute Arbeit. Dennoch ist auch unsere Erfahrung, dass viele Bürger z.B. nicht den Unterschied zwischen Verbrauchsdatum und Mindesthaltbarkeitsdatum kennen und daher oft denken, ein Produkt mit gerade abgelaufenem MHD ist automatisch schlecht. Eine Bildung zum Thema z.B. auch schon in der Schule fände ich notwendig: wie lagere ich Obst und Gemüse zuhause am Besten, damit es nicht so schnell verdirbt? Wie sehe ich ob Lebensmittel noch genießbar sind oder nicht? Wie plane ich meinen Einkauf, damit ich nicht zu viel kaufe und Essen dann zuhause weggeschmissen werden muss?

Ein bewussterer Umgang mit Essen ist auf allen Ebenen weiterhin dringend notwendig. Es sind eben nicht nur Dinge, die wir dann einfach so in die Tonne hauen: Es sind LEBENS-Mittel.

Herzlichen Dank für Deine Zeit und alles Gute für Euer Projekt!

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